Foto: Lennart Weilacher / 360 Media
Julian Köster, Handball-Nationalspieler und FELIX Award Gewinner „Sportler des Jahres“ 2024, setzt sich als Botschafter von Special Olympics Deutschland für Inklusion ein. In unserem exklusiven Interview berichtet er von seinen Erfahrungen bei inklusiven Trainings und Turnieren, von bewegenden Begegnungen mit Athletinnen und Athleten sowie seinem Einsatz, Sportangebote für Menschen mit Behinderung sichtbarer zu machen. Julian betont, wie Inklusion im Handball und darüber hinaus gelebt werden kann und warum Vereine mehr Mut für inklusive Angebote zeigen sollten.
Julian, du bist nicht nur Handball-Nationalspieler, sondern auch Botschafter von Special Olympics Deutschland. Was hat dich persönlich dazu bewegt, dich dafür zu engagieren?
Ich habe bei den World Games 2023 in Berlin zum ersten Mal bewusst wahrgenommen, wie beeindruckend die Arbeit von Special Olympics ist. Das Event war überall präsent, und ich habe mich gefragt, wie ich als sportbegeisterter Mensch vorher so wenig davon mitbekommen hatte. Das hat mich überrascht und ehrlich gesagt auch etwas nachdenklich gemacht.
Special Olympics ist die weltweit größte Sportorganisation für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung und leistet unglaublich wertvolle Arbeit. Sie verdient viel mehr Aufmerksamkeit. Genau da sehe ich meine Rolle: Ich möchte dazu beitragen, dass mehr Menschen erfahren, was Special Olympics für die Athletinnen und Athleten und für unsere Gesellschaft bedeutet.
Was mich zusätzlich motiviert, ist die positive Energie, die man von den Athletinnen und Athleten zurückbekommt. Diese Begegnungen zeigen mir immer wieder, wie wichtig und wertvoll dieses Engagement ist.
Du hast bereits mehrere inklusive Trainingseinheiten geleitet. Welche Eindrücke oder Begegnungen sind die dabei besonders in Erinnerung geblieben?
In den fast zwei Jahren meines Engagements durfte ich viele besondere Momente erleben. Sehr verbunden fühle ich mich mit Andrea und Thomas, mit denen ich bei den Landesspielen 2024 in Münster als Gesicht der Spiele auftreten durfte. Seitdem treffen wir uns immer wieder bei Veranstaltungen, und es ist beeindruckend, ihre Entwicklung mitzuerleben. Besonders rührend war ein Moment in Lemgo: Thomas, der dort als Co-Hallensprecher aktiv war, kam sofort auf mich zugelaufen und umarmte mich, als ich die Halle betrat.

Auch Begegnungen wie die mit Lenny bleiben mir im Kopf. Er griff bei einem Turnier spontan zum Mikrofon, um sich zu bedanken, dass ich da bin. Verbunden mit einer herzlichen Umarmung. Solche Situationen zeigen mir jedes Mal, wie besonders die Atmosphäre bei Special Olympics ist.
Diese Echtheit, die Wärme und der respektvolle Umgang miteinander beeindrucken mich bei jedem Event aufs Neue.
Was bedeutet für dich Inklusion im Sport? Und wie erlebst du das Thema in der Handballwelt?
Für mich bedeutet Inklusion, dass jeder Mensch so angenommen und wertgeschätzt wird, wie er ist. Mit allen individuellen Stärken und Bedürfnissen. Im Sport heißt das, dass wirklich jeder die Möglichkeit haben sollte, teilzunehmen, sich auszuprobieren und Teil einer Gemeinschaft zu sein, ganz unabhängig von einer Beeinträchtigung.

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In den vergangenen zwei Jahren durfte ich bereits mehrere inklusive Trainingseinheiten und Turniere begleiten. Was mir dabei besonders in Erinnerung geblieben ist, ist die Begeisterung, Offenheit und Herzlichkeit, die überall spürbar war. Ein Beispiel dafür war ein inklusives Training in Köln, bei dem Regelschüler und Förderschüler gemeinsam trainiert haben. Obwohl sich viele vorher gar nicht kannten, entstand sofort ein echtes Teamgefühl. Jeder konnte seine Stärken zeigen, gleichzeitig wurde Rücksicht genommen und Unterstützung angeboten. Am Ende stand ein gemeinsames Erlebnis, das gezeigt hat, wie selbstverständlich Inklusion funktionieren kann, wenn man sie einfach zulässt.
Auch im Handball selbst nehme ich eine große Bereitschaft wahr, Inklusion mit Leben zu füllen. Während unserer Saisonvorbereitung hat unsere komplette Mannschaft gemeinsam mit rund 20 Special-Olympics-Athletinnen und -Athleten trainiert. Für viele meiner Mitspieler war es der erste direkte Kontakt, und dennoch waren sofort Begeisterung und Wertschätzung spürbar. Über 600 VfL-Fans haben das Training begleitet. Und es war beeindruckend zu sehen, wie viel positive Energie von diesem Tag ausging.
Kurz darauf hat der TBV Lemgo Lippe ein Spiel gegen uns zum Inklusionsspieltag gemacht. Athletinnen und Athleten sind mit uns eingelaufen, haben Aufgaben als Hallensprecher, Reporter oder auf Social Media übernommen. Das hat sehr deutlich gezeigt, wie Inklusion weit über das eigentliche Spielfeld hinaus wirken kann.
Du wurdest 2024 mit dem FELIX Award als „Sportler des Jahres“ ausgezeichnet. Wie sehr war diese Ehrung auch eine Anerkennung deines Engagements abseits des Spielfelds?
Der FELIX Award, den ich im vergangenen Jahr kurz nach Olympia entgegennehmen durfte, bedeutet mir sehr viel. In einem Sportland wie Nordrhein-Westfalen, mit so vielen herausragenden Athletinnen und Athleten, als „Sportler des Jahres“ ausgezeichnet zu werden, ist etwas ganz Besonderes.
Da es eine Publikumswahl war, lässt sich schwer sagen, welche Aspekte am Ende ausschlaggebend waren. Olympia war natürlich sehr präsent, und als Mannschaftssportler profitiert man vielleicht ein Stück weit von der größeren Sichtbarkeit gegenüber kleineren Sportarten. Auch wenn viele andere Athletinnen und Athleten diese Auszeichnung genauso verdient hätten.
Solche Preise ehren einen nicht nur für das, was man sportlich erreicht hat, sondern geben einem auch enorm viel Motivation zurück. Umso mehr freue ich mich, in diesem Jahr als Botschafter von Special Olympics Deutschland Teil der Jury des neuen Awards „Special Olympics Sportler*in des Jahres“ zu sein. Bei der Sportler-des-Jahres-Gala wird erstmals auch ein Special-Olympics-Athlet oder eine Athletin geehrt. Ein wichtiges Zeichen für mehr Sichtbarkeit und Inklusion. Alle zehn Nominierten hätten diesen Preis verdient, aber am Ende wird eben eine Person auf der Bühne stehen. Und allein diese Bühne zu öffnen, ist schon ein großer Schritt.
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Wenn du eine Botschaft an Vereine, Athletinnen, Athleten oder die Öffentlichkeit richten könntest: An welchen Stellen braucht es noch mehr Unterstützung für inklusive Sportangebote? Und wo sollte deiner Meinung nach dringend nachgelegt werden?
Fakt ist: Wir brauchen deutlich mehr inklusive Sportangebote. Noch immer gibt es zu wenige Vereine, die sich wirklich öffnen. Ich selbst konnte mir als Kind aussuchen, ob ich Handball, Fußball oder Tennis spielen möchte und war in wenigen Minuten mit dem Rad beim nächsten Verein. Diese Möglichkeit haben viele Menschen mit Behinderung nicht, weil es vor Ort schlicht keine passenden Angebote gibt. Wie sollen sie lange Wege, organisatorische Hürden oder Barrieren überwinden, wenn es gar keine Anlaufstelle in ihrer Nähe gibt?
Deshalb wünsche ich mir vor allem mehr Mut für den ersten Schritt. Oft liegt es nicht an fehlendem Willen, sondern an Unsicherheit. Doch genau diese ersten Begegnungen zeigen, wie unkompliziert und bereichernd inklusiver Sport sein kann. Die Athletinnen und Athleten selbst sind dabei die besten Botschafter: Sie sagen klar, was sie brauchen, und zeigen uns gleichzeitig, wie ein inklusives Miteinander im Sport funktionieren kann.
Wichtig ist, dass Angebote so gestaltet sind, dass sich wirklich alle willkommen fühlen und die Möglichkeit haben, teilzunehmen. Wenn Vereine diesen Weg gehen, merken sie schnell, wie viel Freude daraus entsteht und dass Inklusion kein zusätzlicher Aufwand, sondern ein echter Mehrwert für alle Beteiligten ist.
Ein weiterer entscheidender Punkt ist die Sichtbarkeit. Ein großartiges Angebot bringt wenig, wenn niemand davon weiß. Deshalb braucht es starke Netzwerke, gemeinsame Kommunikation und Partner, die am gleichen Strang ziehen. Nur wenn wir Inklusion konsequent mitdenken und aktiv in die Gesellschaft tragen, schaffen wir Angebote, die für alle zugänglich sind und an denen alle teilhaben können.
Vielen Dank für das Gespräch.


